19. April 2018, 18 Uhr, Berlin | Experte: Prof. Dr. Dr. Castulus Kolo, Dekan sowie Vizepräsident an der Hochschule Macromedia. | Am Donnerstagabend war Prof. Dr. Dr. Castulus Kolo im Rahmen des Open Networks in Berlin zu Gast. Kolo ist seit 2013 als Dekan sowie Vizepräsident verantwortlich für die Forschung und Lehre der Hochschule Macromedia. Er unterrichtet und forscht zu Zukunftsfragen der Medienentwicklung, strategischen Herausforderungen des Medienmanagements und zum Innovationsgeschehen in der Medienwirtschaft.

Sein Thema beim Open Network war: „Die Stadt der Zukunft als Smart City – über mögliche Rollen, Entwicklungsperspektiven und Kooperationspartner für ein regionales Medienhaus in einer Smart City“. Julia Grass, Head of Social Media bei der Berliner Zeitung und beim Berliner Kurier, hat darüber mit dem Experten im Interview gesprochen.

Herr Kolo, alle sprechen über die Stadt der Zukunft als Smart City. Aber was macht eine Stadt eigentlich smart?

Prof. Dr. Dr. Castulus Kolo: Smart ist tatsächlich zu einem ziemlich nichts sagenden Buzzword geworden. Sehr oft versteht man darunter nur eine hoch technische Infrastruktur, bei der alles miteinander verbunden ist. Meiner Ansicht nach greift diese Vorstellung zu kurz. Eine smarte Stadt wird in erster Linie von smarten Menschen bewohnt, die auf kluge Weise ihre Geschicke organisieren. Diese Menschen konsumieren, hinterlassen Abfälle – damit muss man effizient umgehen. Es geht also um eine smarte, kluge Ressourcennutzung. In einer smarten Stadt finden permanent Aushandlungsprozesse statt, die dem Tempo der Komplexität und dem vielfältigen Miteinander angemessen ist. Eine smarte Stadt braucht Diversität, hält sie aus und geht konstruktiv mit ihr um.

Welche Trends sehen Sie für die Zukunft?

Kolo: Vor allem zwei: Urbanisierung und Mediatisierung. Urbanisierung ist ein globales Phänomen und hat mit dem Wachsen von Städten als Treiber der Wirtschaft zu tun. Menschen ziehen in die Städte, weil die Wirtschaft dort boomt, weil Innovationen stattfinden. Gleichzeitig sehen wir, dass Menschen zunehmend vernetzt sind – diese Vernetzung wird medial vermittelt. Soziale Beziehungen wie Partnerfindung, Familienleben, auch die Weiterentwicklung von Kultur, finden mediatisiert statt.

Was heißt das denn konkret?

Kolo: Ein paar Beispiele: Man sucht einen Partner über die Tinder-App, plant Familienangelegenheiten über WhatsApp, lernt in Online-Kursen an Hochschulen, bucht Urlaube über Online-Portale und das Smartphone.

Ach so!

Kolo: Sehen Sie, Ihnen erscheinen diese Beispiele schon banal – denn mediale Vermittlung ist mittlerweile omnipräsent. Vor allem eben in Städten. Urbanisierung und Mediatisierung gehen Hand in Hand.

Was heißt das für den Journalismus der Zukunft?

Kolo: Wenn Medienschaffende über den Journalismus der Zukunft diskutieren, diskutieren sie vor allem über Inhalte. Das greift zu kurz. Journalismus hat eine Funktion in der Gesellschaft, soll Orientierung bieten und uns helfen, uns in ein Gemeinwesen einzufügen. Wenn ich Journalismus im Rahmen dieser Funktionen begreife, dann habe ich viel mehr Möglichkeiten, ihn weiter zu denken, als nur von Inhalten wie Text oder Bild ausgehend. Um Orientierung zu bieten, muss ich in Zukunft nicht unbedingt einen Text schreiben oder ein Audiostück aufnehmen. Das ist eher Handwerk. Wenn man in die Vergangenheit schaut, war eine Zeitung schon immer viel mehr als das.

Wie meinen Sie das?

Kolo: In einer Zeitung gab es immer schon Kleinanzeigen-Seiten oder einen Marktplatz für die Partnersuche. Teilweise hat das mehr Inhalt ausgemacht als die redaktionelle Berichterstattung. Außerdem hat die Zeitung Menschen schon immer vernetzt – da gab es Aufrufe zu Bezirksversammlungen, wurden lokale Diskussionen und Debatten abgebildet. Heute finden wir genau diese Dinge bei anderen Betreibern und in neuer Form. Der Universalanspruch der Zeitung, eine Plattform für alles zu sein, was in der Stadt wichtig ist, fällt weg. Die Zeitung erleidet einen Bedeutungsverlust.

Das klingt aber mehr nach Apokalypse des Journalismus als nach Zukunftschance.

Kolo: Nein, denn die Kompetenz ist ja immer noch da. Verlage haben immer noch Geld, das sie investieren können und einen enormen Vertrauensvorschuss der Menschen, viele Zeitungen sind bis heute starke Marken, die eine Verbindung zu den Menschen haben. Das ist ein Vorteil, den kein Start-Up hat, wenn man ihn klug nutzt und zum Beispiel mit Partnern zusammenarbeitet, die wiederum Technologie und Innovation mitbringen.

Die Lösung für Verlage liegt also in der Kooperation mit Startups?

Kolo: Sie kann dort liegen. Startups haben oft gute Ideen, sind klein und flexibel, während viele Verlage oft nur schwer vom Fleck kommen. Aber  Startups allein können die Welt auch nicht retten. Ihnen fehlt die Nähe zu den Menschen. Ein Gefühl für gesellschaftlich wichtige Fragen. Ein Beispiel: Wir haben eine alternde Gesellschaft. Wie organisieren wir in Zukunft Pflege? Wie bringen wir generationenübergreifend Menschen zusammen? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Redaktionen ja seit eh und je. Natürlich baut ein Verlag nicht am Ende eine App für ein mobiles EKG, aber das Wissen über Vermittlung und Vernetzung von Menschen ist für jenes Startup, das diese Sache vielleicht entwickelt, unabdingbar.

Eine Win-Win-Situation also.

Kolo: Ja. Ein Verlag kann sich mit technologischen, digitalen Partnern zusammentun und einen vermittelnden Part einnehmen. Bei dem Projekt, das wir mit DuMont aufgesetzt haben, geht es nicht nur darum, was Redakteure in Zukunft machen sollen, sondern vor allem um Verlagsstrategien. Da liegt aber auch ein Konflikt.

Welcher?

Kolo: Innerhalb eines Verlags stehen sich Redaktion und kaufmännische Abteilungen manchmal misstrauisch gegenüber. Leitende Redakteure sind in vielen Verlagen so etwa Mitte 50. Warum sollten die noch mal komplett die Welt verändern wollen? Bis die in Rente gehen, wird das Geld schon noch reichen. Auf der kaufmännischen Seite haben Sie dagegen häufig junge Leute, die mit den Hufen scharren. Da fehlt schon mal das gegenseitige Verständnis. Und dann geht es ganz banal um den Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Experimentierfreude. Man muss wirtschaftliche Zweige – meist auch noch die Print-Zeitung – hegen, andererseits aber neue Felder ausprobieren, Versuche starten, die auch scheitern können. Dieser Balanceakt ist schwer. Und es sind überraschenderweise die einst stärksten Player, die davon am schlimmsten getroffen werden.

Wieso?

Kolo: Diese Unternehmen haben sich aus einer Position des Stärkeren heraus enorm auf das verlassen, was sie immer schon getan haben – wenn sich plötzlich alles ändert, fehlt die Anpassungsfähigkeit. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass das, was immer funktioniert hat, plötzlich nicht mehr funktioniert. Sie haben sich so auf Wirtschaftlichkeit konzentriert, dass sie verlernt haben, Neues auszuprobieren.

Und was kann man dagegen tun?

Kolo: Tatsächlich ist das meistens ein Führungsproblem. Verlage müssen Strukturen schaffen, in denen Neues entstehen kann und gleichzeitig das Bestandsgeschäft erhalten bleibt. Und das können selten die gleichen Leute machen – denn diese Veränderung funktioniert im Kopf. Und wenn sie dort nicht funktioniert, funktioniert sie gar nicht. In manchen Verlagen haben sie noch eine solch große Print-Übermacht, dass kaum Neues entstehen kann.

Man muss die komplette Führungsriege eines Verlags austauschen?

Kolo: Es wäre auf jeden Fall sinnvoll, einen Kopf zu haben, der über allem steht – sonst machen Redaktionen, was sie die letzten 30 Jahre gemacht haben. Es muss eine Ebene geben, auf der kaufmännisches und redaktionelles zusammen gedacht wird. Die chinesische Mauer zwischen Redaktion und Verlag ist nicht zukunftsfähig.

Die Trennung ist ja aber ganz bewusst gewählt, um journalistische Unabhängigkeit zu garantieren. Sehen sie die nicht gefährdet, wenn man Redaktion und Verlag stärker zusammenführt?

Kolo: Doch, permanent! Das ist durchaus ein Problem – aber man kann das eben nicht mehr durch eine starre Trennung lösen, sondern nur in einem permanenten Aushandlungsprozess, zumindest wenn es um die Entwicklung neuer Aktivitäten geht. Hier muss zusammengearbeitet werden. Das Vertrauen in die journalistische Kontrollfunktion darf natürlich nicht gefährdet werden. Sonst würde man das Kind mit dem Bade ausschütten.

Gibt es Verlage, die diesen Balanceakt schon gut meistern?

Kolo: In Deutschland sehe ich bislang wenig bis gar keine Ansätze. Und auch weltweit ist die Branche eigentlich noch in der Phase des Jammerns. Aktuell wird gerade viel darüber diskutiert, Journalismus über eine politische Schiene zu finanzieren. Da kommt dann das Argument, dass durch die Bedrohung des Journalismus gleich die ganze Demokratie gefährdet wird. Ich halte das für den völlig falschen Ansatz. Das Problem sollte unternehmerisch gelöst werden und ich denke, das geht auch.

Ein kleines, lokales Verlagshaus wird mit Ihren Ideen aber seine Schwierigkeiten haben.

Kolo: Ja, ein kleiner Verlag in einer kleinen Stadt wird das nicht hinkriegen, weil die technologische Kompetenz fehlt, die aber nötig ist, um klug Kooperationen auszuwählen. Da muss eine gewisse Größe und Substanz vorhanden sein. Ich traue das vor allem regionalen Verlagsgruppen zu. DuMont ist dafür meiner Meinung nach prädestiniert, weil viel Erfahrung mit Großstadt-Zeitungen vorhanden ist. Und weil der Verlag groß genug ist, um eine gewisse Substanz und Kompetenz im Umgang mit Kooperationen mitzubringen.

 

Über den Speaker

Prof. Dr. Dr. Castulus Kolo

Prof. Dr. Dr. Castulus Kolo ist seit 2013 als Dekan sowie Vizepräsident verantwortlich für die Forschung und Lehre der Hochschule Macromedia. Er unterrichtet und forscht zu Zukunftsfragen der Medienentwicklung, strategischen Herausforderungen des Medienmanagements und zum Innovationsgeschehen in der Medienwirtschaft.

Vor seinem Wechsel in die Innovationsforschung promovierte Prof. Kolo in Kulturwissenschaften in München sowie in Physik am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf. Als Geschäftsführer Neue Medien war er bei einem deutschen Großverlag, in leitenden Funktionen für eine internationale Strategieberatung und innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft tätig. 2004 gründete er seine eigene Unternehmensberatung future directions. Seit 2000 lehrt er zudem an verschiedenen Universitäten in den Themengebieten Innovationsmanagement, Medien sowie Informations- und Kommunikationstechnologien.