08.03.2018, 17.30 Uhr, Köln | Experte: Dr. Vera Demary, Leiterin des Kompetenzfeldes „Strukturwandel und Wettbewerb“ beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) | Wir verleihen die eigene Wohnung, wir leihen uns Autos, wir streamen Musik und Serien. Das zeitweise Teilen von Gegenständen ist für viele in unserem digitalisierten Alltag längst Normalität. Welche Vorteile hat das? Und welche Nachteile sind damit verbunden? Was heißt das für die Wirtschaft? Und welche bislang unentdeckten Geschäftsfelder können noch erschlossen werden? Diese und viele weitere Fragen hat Dr. Vera Demary, Leiterin des Kompetenzfelds „Strukturwandel und Wettbewerb“ im Kölner Institut der deutschen Wirtschaft, im Rahmen des Open Networks in Köln am Donnerstagabend beantwortet.

Die Expertin hat dabei ziemlich schnell klar gemacht, dass die sogenannte „Sharing Economy“ nicht nur in Deutschland boomt. Das Thema ist weltweit im Moment in aller Munde. Aber auch zurecht? Digitale Plattformen wie die Unterkunftsvermittlungen Airbnb und Homelike, die Online-Mitfahrzentrale Blablacar, das Handwerker-Portal MyHammer oder der Musik-Streaming-Dienst Spotify haben das Potenzial erkannt und sind teilweise zu Weltmarken aufgestiegen. Aber kann eine Plattform wie Airbnb tatsächlich der herkömmlichen Hotelbranche Konkurrenz machen?

„Die Zahlen belegen bislang, dass Airbnb zwar auf dem Vormarsch ist“, betonte Demary. „Dennoch sehe ich hier noch keine Gefahr für die Hotels. Wenn überhaupt, können mittelfristig die Ein- oder Zwei-Sterne-Unterkünfte Probleme durch Airbnb bekommen. Die guten Hotels werden ihre Kundschaft durch Airbnb oder ähnliche Anbieter eher nicht verlieren.“

Demary stellte bei ihrem Vortrag im Neven DuMont Haus trotzdem das Thema Unterkünfte in den Mittelpunkt, weil es der bedeutendste Aspekt in der Sharing Economy ist: „Studien zeigen, dass etwa jeder fünfte Deutsche bisher auf einer Sharing-Economy-Plattform ein Zimmer für eine oder mehrere Nächte gebucht hat. In anderen Ländern ist der Anteil deutlich geringer. Wir stellen vor allem eine Nachfrage bei jüngeren Menschen fest, weil man hier teilweise noch Geld sparen kann.“

Demary machte auch deutlich, dass nach und nach der Markt inzwischen auch von professionellen Anbietern besetzt wird. Aber gehört das überhaupt noch zur Sharing Economy? Carsharing-Angebote wie DriveNow und Car2Go funktionieren nur scheinbar nach dem gleichen Prinzip: Eigentum wird für eine kurze Dauer an Kunden vermietet, die sich damit die Anschaffung etwa eines Autos sparen. Der entscheidende Unterschied: Airbnb oder auch Uber stellen nur die Plattform zur Verfügung, materielle Werte besitzen die Unternehmen nicht. Die Unterkünfte oder die Autos werden von Privatpersonen anderen Privatpersonen zur Verfügung gestellt. DriveNow und Car2Go hingegen verleihen zwar auch Autos an Privatpersonen, aber das Unternehmen besitzt die Autos, die es verleiht. „Unserer Definition nach ist das kein klassisches Modell der Sharing Economy“, sagte Demary. Ein ähnliches Beispiel sei Tchibo, das Unternehmen sei ebenfalls kürzlich in das Vermietungs-Geschäft eingestiegen und habe damit begonnen, Baby- und Kindermode zu verleihen.

Während ihres Vortrags entwickelte sich schnell die Diskussion, ob denn das Teilen von Gegenständen positive Auswirkungen auf die Umwelt haben könne. Demary zeigte auf, dass es in diesem Punkt keine eindeutige Antwort geben könne: „Einerseits kann es positiv sein, wenn ich mir eine Bohrmaschine von einer anderen Privatperson leihen, weil dann für mich keine hergestellt werden muss. Andererseits stellt sich dann natürlich die Frage, wo ich mir meine Bohrmaschine leihe. Wenn ich die über eine Internetplattform aus Köln in Sachsen-Anhalt bestelle und diese erst zu mir und dann wieder dorthin zurücktransportiert werden muss, schlagen die Vorteile im Hinblick auf die Schonung der Umwelt rasch in Nachteile um.“

Die Expertin

Dr. Vera Demary ist Leiterin des Kompetenzfeldes „Strukturwandel und Wettbewerb“ beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Schwerpunkt ihrer Tätigkeit ist mikroökonomische Forschung zu Themen an der Schnittstelle zwischen Industrieökonomik und Digitalisierung. Dazu gehört auch das Thema Sharing Economy, zu dem Vera Demary an zahlreichen Publikationen und Projekten gearbeitet hat.

Vera Demary ist seit 2009 beim IW beschäftigt. Sie hat an der Universität Paderborn, der Memorial University of Newfoundland und der Erasmus Universität Rotterdam Volkswirtschaftslehre studiert. Zwischen 2005 und 2008 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität zu Köln tätig und promovierte dort im Jahr 2008.