22.11.2017, Köln | Experte: Prof. Dr. Gilbert Fridgen, Dozent an der Universität Bayreuth |

Der Hype um Blockchain ist allgegenwärtig. Aber worum geht es dabei genau? Was hat das mit der Internetwährung Bitcoin zu tun? Und wieso stehen wir an der Schwelle zur nächsten Generation des Internets? Zahlreiche DuMont-Kolleginnen und Kollegen hatten sich diese Fragen auch gestellt und waren am Mittwochabend zum Open Network in die Druckerkantine im Neven DuMont Haus gekommen. Zu Gast war Prof. Dr. Gilbert Fridgen, der an der Universität Bayreuth lehrt und gleichzeitig am Fraunhofer Institut forscht. Der 37-Jährige ist einer der angesehensten Experten beim Thema Blockchain.

Fridgen beantwortete zunächst die ganz allgemeinen Fragen, die sich alle stellten:

Was ist die Blockchain?

Prof. Dr. Gilbert Fridgen: „Stellen Sie sich vor, wir hätten alle ein Notizbuch in der Tasche und der Inhalt dieses Notizbuchs ist für alle synchron. In allen Notizbüchern steht also das gleiche drin. Es kann aber auch keiner etwas aus dem Notizbuch herausradieren oder etwas verändern, was in der Vergangenheit darin geschrieben war. Das führt zu folgendem Effekt: Wenn ich beispielsweise eine Transaktion umsetzen möchte – zum Beispiel mit der Internetwährung Bitcoin – dann kann ich einfach in dieses Notizbuch reinschreiben, dass Person A der Person B einen Wert überwiesen hat. Das steht dann für alle transparent dort drin. Eine automatische Kontrollinstanz überprüft, dass alles korrekt abläuft. Der Kunde kann sich darauf verlassen, dass jede Transaktion sicher verläuft. Das ist das grundsätzliche Funktionsprinzip der Blockchain.“

Was hat das mit der Zukunft des Internets zu tun?

Prof. Dr. Gilbert Fridgen: „Das Spannende an dieser Technologie ist, dass ich dafür niemanden brauche, der das zentral steuern muss. Die beispielhaft genannten Notizbücher werden automatisch untereinander synchronisiert. Dadurch können Transaktionen zwischen zwei Parteien stattfinden, ohne dass es ein Dritter steuern muss. Eine Bank müsste also beispielsweise keine Kontostände anpassen. Fehler sind nahezu ausgeschlossen. Deshalb sprechen wir hier auch häufig vom „Internet of Trust“. Dieses wird als Nachfolger des „Internet of Information“ angesehen, das vor allem zur Informationsübermittlung verwendet wurde. Jetzt kann ich plötzlich Vertrauen und Werte untereinander austauschen.“

Was genau ist das „Internet of Trust“?

Prof. Dr. Gilbert Fridgen: „Das „Internet of Trust“ ermöglicht deutlich mehr Anwendungen als bisher. Eine Geldtransaktion ist nur die naheliegendste Anwendung. Im „Internet of Trust“ kann ich beispielsweise Infrastrukturen schaffen, die in Bereichen installiert werden, in denen viele Unternehmen eigentlich eine zentrale Koordination bräuchten. An dieser Stelle bietet die Blockchain eine riesige Chance, weil sie Koordination zwischen vielen Unternehmen ermöglicht und eine Zusammenarbeit zum Mehrwert der Kunden machbar wird. Eine dritte Instanz, die alles kontrolliert, ist nicht mehr nötig. Das übernimmt die Blockchain. Konkret noch einmal das Beispiel einer Überweisung: Die Bank oder Sparkasse wird überflüssig, weil eine Überweisung in der Blockchain lückenlos nachvollziehbar ist.“

Das Interesse der DuMont-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an dem Thema war so groß, dass Fridgen gar nicht dazu kam, seine Präsentation bis zum Ende zu zeigen. Aus der Vielzahl der Fragen entwickelte sich eine Diskussion, die das Thema aus der Theorie in die Praxis übertrug und es deutlich anfassbarer machte.

Besonders der Mythos „Internet der Zukunft“ stieß auf reges Interesse. Hier zeichnete Fridgen die Entwicklung des Internets bisher nach. Mit dem World Wide Web (www) gelang dem Internet der Durchbruch in die große Öffentlichkeit. Es folgte die Phase des eCommerce, die unser Einkaufsverhalten vollständig veränderte. Danach entwickelte sich das Web2.0, in dem der Nutzer durch die sozialen Netzwerke selbst Teil des Internets wurde. Danach kam das mobile Internet. Jeder trägt seinen Internetzugang heutzutage auf dem Smartphone mit sich herum und kann theoretisch immer und überall darauf zurückgreifen. „Diese Phasen bezeichnet man als Internet der Information“, betonte Fridgen. „Und nun stehen wir eben an dem Punkt, am dem wir in eine neue Generation des Internets übergehen. Mit der Blockchain kommt das Internet of Trust.“

Die neue Technologie bietet viele Chancen

Der Experte erklärte, dass sich mit der Blockchain zwar vieles verändern werde – in privaten genauso wie in beruflichen Bereichen -, aber dass dies sicher nicht von heute auf morgen geschehen werde. Es könne sogar sein, dass der Nutzer davon zunächst gar nicht so viel mitbekomme, weil das meiste im Hintergrund ablaufe.

Wichtig sei, dass das Innovationsmanagement an Projekte anders herangeht. Man müsse sich folgende Fragen stellen: Welches Angebot können wir mit der Blockchain entwickeln? Wie können wir die neue Technologie nutzen? Um ein optimales Ergebnis erzielen zu können, müsse man unvoreingenommen kreativ werden, den Markt im Blick haben, im nächsten Schritt informiert kreativ werden, die Ideen strukturieren und einen Prototypen entwickeln.

Auswirkungen auf das Geschäftsmodell

Während der Diskussion wurde auch die Frage gestellt, wer von der Technologie profitieren könne und welche Auswirkungen es möglicherweise auf die Geschäftsmodelle haben werde. „Darauf kann ich noch keine seriöse Antworten geben“, sagte Fridgen. „Wir sind noch ziemlich am Anfang. Das muss sich alles erst noch entwickeln. Ich bin mir allerdings sicher, dass es keine Revolution geben wird, sondern eher eine Evolution. Die Blockchain wird nicht alles bisher Bekannte überflüssig machen.“

Sie wollen bei der nächsten Open Network-Veranstaltung dabei sein? Dann melden Sie sich einfach über open_network@dumont.de mit Betreff „Open Network“ an.

Zusammenfassung des Vortrags von Prof. Dr. Gilbert Fridgen (22. November 2017 in Köln). Die wichtigsten Learnings:

  • Früher gab es eine zentrale Koordination des Wissens (Beispiel Brockhaus Enzyklopädie). Heute wird das Wissen dezentral koordiniert (Beispiel Wikipedia).
  • Blockchain ermöglicht den Wandel vom Internet der Informationen zum Internet der Werte.
  • Blockchain hat das Potenzial, die nächste disruptive (Internet-)Technologie zu werden.
  • Der Blockchain-Hype beginnt abzuflachen, je besser die Technologie verstanden wird.
  • Die Blockchain-Technologie kommt inzwischen in einigen Anwendungsbereich zum Einsatz, allerdings meist noch vom Nutzer unbemerkt.
  • Für den großen Durchbruch der Blockchain müssen noch mehrere Herausforderungen überwunden wurden. Es existieren bisher nur wenige tragfähige Anwendungsfälle. Die technischen Voraussetzungen sind in vielen Bereichen noch nicht vollständig ausgereift. Rechtliche und regulatorische Fragestellungen sind in vielen Bereichen noch nicht abschließend geklärt.

Über den Speaker:

Gilbert Fridgen ist Professor für Wirtschaftsinformatik und nachhaltiges IT-Management an der Universität Bayreuth, stellvertretender Leiter der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik und Buchautor. Seit 2015 beschäftigt sich der 37-Jährige mit der ökonomischen Anwendung der Blockchain-Technologie und ist mitverantwortlich für den Aufbau des Fraunhofer-Blockchain-Labors.