13.07.2018, Halle | Experten: Thomas Pfaffe und Stefan Voß, Landesbüroleiter Ost sowie Verification Officer DPA |

Es geschah beim Münchener Amoklauf, es geschah beim Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt: Fake News verbreiten sich rasend schnell im Netz. Während Journalisten in Echtzeit recherchieren und publizieren, jagen Internetnutzer gefälschte Bilder durchs Netz und verbreiten Falschinformationen. Manchmal versehentlich, manchmal gewollt. Wie schützen sich Nachrichtenagenturen wie DPA vor Fake News im Netz? Die DPA-Spezialisten Thomas Pfaffe, Landesbüroleiter Ost, und Stefan Voß, Leiter der neuen Verification Officers, gaben bei „Open Network“-Veranstaltung  der Mitteldeutschen Zeitung in Halle (Saale) Einblicke in ihren Kampf gegen die Falschmeldung.

Besonders gründlich müssten Agenturjournalisten immer dann prüfen, wenn sich unübersichtliche Nachrichten-Großlagen entwickelten, etwa bei Amokläufen, sagte Voß. „Zu diesen Zeitpunkten lohnen sich Manipulationen am meisten, denn die mediale  Aufmerksamkeit ist am größten.“ Beispiel München: Während des Amoklaufes verbreiteten Internetnutzer auf Facebook und Twitter immer wieder Nachrichten mit angeblichen Tatorten, inklusive Bilder. „71 Phantomtatorte registrierten wir an diesem Tag“, so Voß.

Für die DPA ein Problem der Verifikation. Zur Echtheitsprüfung von Bildern verwende die Agentur eine Reihe von Internetwerkzeugen. Darunter Tineye: Die Website erlaubt eine Rückwärtsbildersuche, die das frühere Auftauchen von Fotos im Netz checke. „Gerade im Fall von angeblichen Täter- und Tatortbildern tauchen immer wieder dieselben Bilder auf“, sagte Voß. Die Überprüfung mit Tineye könne schnell Klarheit schaffen. „Allerdings: Wenn die Bilder per Photoshop verfremdet sind, kommt das Programm an seine Grenzen.“

Ein ähnliches Überprüfungs-Tools für Videos gibt es mit dem Youtube Dataviewer. Es erlaubt einen Blick darauf, ob verbreitete Filme bereits in der Vergangenheit aufgetaucht sind. Bei der Echtheitsprüfung solcher Medien habe die DPA einen hohen Anspruch. „Jeder Mensch erkennt einen kopierten 10-Euro-Schein als Fälschung. Bessere technische Werkzeuge zur Prüfung hat der Verkäufer an der Supermarktkasse, am sichersten prüft die Bundesbank.  Wir müssen im Onlinebereich nahe an die Bundesbank rankommen“, so Voß.

Was wird manipuliert? Neben der Echtheit von Videos und Bildern prüfen die Experten der DPA häufig auch unsichere geografische Angaben in Internetbeiträgen. Zudem beschäftigen sich die Spezialisten mit der Prüfung möglicher Social Bots – also programmierten Twitter-Robotern, die wie Menschen agieren – und der Verifikation von Social-Media-Beiträgen.

Nach dem Münchner Anschlag und anderen Großlagen – vor allem islamistischen Terrorakten – haben die DPA-Spezialisten zudem Erfahrungen damit gesammelt, wieso Menschen Falschmeldungen in sozialen Netzwerken verbreiten. „Ein großer Teil ist Wichtigtuerei und Geltungssucht“, sagte Pfaffe. „Das ist zwar die irrationale, aber noch nicht die bösartige Variante.“ Daneben gebe es regelmäßig die Gruppen der Islamhasser und jene, die den Terror potenzieren wollen. „Der Anschlag von Manchester war ein Beispiel dafür“, so Voß. So werde das digitale Echo der Geschehnisse häufig verzerrt. Zur Prüfung von Angaben auf Facebook nutze DPA etwa das Tool peoplefindThor – eine mächtige Personensuchmaschine, die eine gezielte Suche nach bestimmten Menschen möglich macht.

Zur Überprüfung von Informationen greifen die DPA-Spezialisten auch auf ein schier endloses Archiv von Internetinhalten zurück. Der Internet-Dienst Wayback Machine erlaube einen Blick auf frühere Versionen von Websiten. Das Tool gelte als Friedhof des Internets und mache Wahrheitsüberprüfungen in der Rückschau möglich.

Gerade die massenhafte Produktion von Beiträgen stelle Onlineredaktionen – auch die DPA – vor Herausforderungen. Um den Überblick über Twitter und Facebook zu behalten, nutze die Agentur die Social-Media-Tools Tweetdeck, Crowdtangle und Dataminr. „So sind Recherchen außerhalb der Filterblase möglich“, sagte Voß.

Sie wollen bei der nächsten Open Network-Veranstaltung dabei sein? Dann melden Sie sich einfach über open_network@dumont.de mit Betreff „Open Network“ an.

Zusammenfassung des Vortrags von Thomas Pfaffe und Stefan Voß (13. Juli in Halle). Die wichtigsten Learnings:

  • Das größte Einfallstor für Fakes in Redaktionen sind gefälschte Sachverhalte, die plausibel erscheinen.
  • Manipuliert wird am häufigsten bei großen, unübersichtlichen Nachrichtenlagen wie Amoklagen und Anschlägen.
  • Dort lohnen sich Manipulation am ehesten aufgrund der hohen Medienaufmerksamkeit.
  •  Die wichtigsten Felder zur Echtheitsprüfung sind im Internet verbreitete Bilder, Videos, geografische Daten, Social Bots und Beiträge in sozialen Netzwerken.
  • Die häufigsten Manipulationen bei Anschlägen und Amokläufen sind: falsche Vermisstenmeldungen, falsche Fährten (z.B. Phantom-Tatorte), falsche Tatortbilder, falsche Bekennervideos, falsche Aussagen aus Messenger-Diensten wie WhatsApp, die an der Öffentlichkeit gelangen
  • Sollten Agenturen und Zeitungen also lieber die Finger von Social Media davon lassen? Nein, es gibt wichtige und korrekte Geschichte auf Facebook und Twitter, deren Verifikation lohnt.
  • Mit Social-Media-Tools wie Crowdtangle und Dataminr ist eine Recherche außerhalb der eigenen Filterblase möglich.
  • Bei der Verifikation möglicher Fake-Bilder hilft die Rückwärtssuche über Tineye.
  • Websitearchive wie Wayback Machine machen Verifikation älterer Internetinhalte möglich.
  • Nicht jeder Blödsinn muss verifiziert – und damit unnötig geadelt – werden.

Über die Speaker:

Thomas Pfaffe (46), früher Nachrichtenchef bei der DPA, ist im vergangenen Jahr Landesbüroleiter Ost geworden.
Pfaffe ist seit mehr als 20 Jahren bei der DPA tätig und hat in fast einem Dutzend Städten national und international für die Nachrichten-Agentur gearbeitet. Seit einem Jahr ist er nun für die DPA-Berichterstattung aus fünf ostdeutschen Bundesländern verantwortlich. Studiert hat er Journalistik, Politik und Geschichte mit anschließendem Volontariat. Nach diesem war er Redakteur in Hessen, anschließend Dienstchef in Magdeburg und Düsseldorf sowie DPA-Büroleiter in London.

Stefan Voß (47) hat die Leitung der neu geschaffenen Rolle des Verification Officers bei der DPA übenommen. Stefan Voß hat von 1998 bis 2009 zunächst als Korrespondent in Kiew und später als Büroleiter in Moskau für die DPA aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion berichtet. Seit seinem Wechsel in die DPA-Zentrale nach Berlin arbeitete er in der Politikredaktion, zuletzt als Dienstleiter Innenpolitik. Seitdem hat er intensiv die Einbindung von Social Media in die Redaktionsstrukturen vorangetrieben. Voß soll von der Berliner Newsroom-Zentrale aus mit weiteren Experten im DPA-Netz eine neue Verifikations-Einheit aufbauen. „Nachrichtenagentur und Faktencheck sind stets Teamarbeit“, betont Voß.