Expertin: Dr. Guo Bai, Dozentin für Strategie an der China Europe International Business School (CEIBS) | 11. Juli 2019 | Neven DuMont Haus, Betriebsrestaurant |

Wie wirkt die transformative Kraft der Digitalisierung auf die wirtschaftliche, soziale und globale Ordnung? Das Thema beim letzten Open Network vor der Sommerpause klang zugegebenermaßen komplex. Aber den über 100 Gästen im Neven DuMont Haus wurde schnell klar, dass der Vortrag von Dr. Guo Bai, Dozentin für Strategie an der China Europe International Business School (CEIBS), sehr informativ war. Die Expertin erläuterte nachdrücklich, wie die Digitalisierung zur Verbesserung der Wirtschafts- und Sozialsysteme genutzt werden kann. Viele seien sich bewusst, dass die Digitalisierung zu Veränderungen geführt habe, sagt Dr. Guo Bai. Aber: Nur wenige hätten diese und – vor allem – deren Auswirkungen vollständig verstanden. Hendrik Geisler, Redakteur regionale Wirtschaft beim Kölner Stadt-Anzeiger, hat mit Dr. Guo Bai über das Thema gesprochen.

Frau Dr. Gua Bai, haben digitale Technologien die Welt zu einem besseren Ort gemacht?

Dr. Guo Bai: Das ist nicht einfach zu beantworten. Digitale Technologien haben Vor- und Nachteile. Positiv ist, dass sie in der Lage sind, komplexe gesellschaftliche Probleme mit Hilfe von Daten zu analysieren und zu lösen. In Städten helfen sie, den Verkehr zu leiten, die Müllentsorgung zu optimieren, erneuerbare Energieressourcen zu integrieren und den Zugang der Menschen zu Produkten zu erleichtern. Zudem konnten Menschen nie zuvor so einfach miteinander kommunizieren und ihr Zusammenleben koordinieren wie heute.

Und wo kann es zu Problemen kommen?

Dr. Guo Bai: Mit der steigenden Popularität Künstlicher Intelligenz stellt sich die Frage, inwieweit sie menschliche Arbeit ersetzen wird. Zudem haben heute bereits führende Unternehmen mit Hilfe digitaler Technologien die Chance, ihre Machtpositionen weiter zu stärken. Aufgrund ihres vorhandenen Vorsprungs sind sie in der Lage, sich weiter von kleinen Wettbewerbern abzusetzen. Es kommt also zu Konzentrationen, die zu einem wirtschaftlichen und sozialen Ungleichgewicht führen. Darüber hinaus ist Künstliche Intelligenz sehr erfolgreich darin, menschliche Fehler zu verstärken: Wenn Vorurteile oder Benachteiligungen bei der Programmierung nicht berücksichtigt werden, treten sie später umso stärker zutage. Auch die Manipulation der Massen ist leichter als jemals zuvor, und das ist ein großes Problem für die Demokratie. 

Was ist Chinas Motivation, in digitale Technologien zu investieren?

Dr. Guo Bai: Den einen Zweck, den alle Akteure verfolgen, gibt es nicht. Chinas Bemühungen und Erfolge liegen aber unter anderem in Katastrophen begründet. 2003 wurde das Land stark von der Infektionskrankheit SARS getroffen, viele Menschen hatten Angst, in die Öffentlichkeit zu gehen – ein schwerer Schlag für den Einzelhandel. In dieser Zeit wurden die heutigen Online-Handelsriesen Taobao und JD gegründet oder wuchsen stark, und traten dem Problem erfolgreich entgegen. Auch die weltweite Finanzkrise von 2008 ist eine Ursache für den heutigen chinesischen Erfolg.

Welchen Einfluss hatte sie?

Dr. Guo Bai: Die chinesische Wirtschaft war damals geprägt von der Schwerindustrie. Das hat nicht nur zu Problemen wie starker Luftverschmutzung geführt, sie war damit auch stark abhängig von Exporten und litt daher stark, als die Weltwirtschaft ins Wanken geriet. China wollte in der Folge ein flexibleres Wirtschaftssystem etablieren, das unabhängiger ist und an dem mehr Personen teilhaben können. Die Digitalwirtschaft erfüllte diese Kriterien und wurde gefördert, mit einem starken Fokus auf den Heimatmarkt. Das Einkommen und die Kaufkraft der Chinesen stiegen dadurch in ihrer Gesamtheit an. Auch die entspannte Haltung der Aufsichtsbehörden bei der Regulierung innovativer Technologien hat dazu beigetragen, dass Chinas Digitalwirtschaft einen steilen Aufstieg erlebt hat. 2005 betrug der chinesische Anteil am weltweiten Onlinehandelsumsatz 0,4 Prozent – 2016 erreichten die chinesischen E-Commerce-Unternehmen 42,4 Prozent Anteil am weltweiten Markt. China hat es geschafft, seiner Gesellschaft ein besseres Leben zu ermöglichen. Die Angriffe des US-Präsidenten Donald Trump auf die chinesische Wirtschaft mit seinen Anschuldigungen an Huawei haben bewiesen, dass wir unsere eigenen digitalen Systeme entwickeln müssen – womöglich mit vertrauenswürdigen Verbündeten.

Kann Europa dieser Verbündete sein?

Dr. Guo Bai: Ich habe mich mit vielen europäischen Unternehmen unterhalten und bin überzeugt, dass China und Europa wichtige Verbündete sind. Die Länder ergänzen sich: Chinesische Unternehmen besitzen einen großen Datenpool, zum Beispiel die digitalen Champions Alibaba und Tencent. Wir bringen also die Daten als Arbeitsgrundlage mit, die europäische Firmen nicht haben. Europa ist hingegen stark bei der Entwicklung von Algorithmen und Technologien. Das passt sehr gut zusammen. China bringt außerdem die Marktgröße mit, die europäische Firmen zum Wachstum benötigen.

Gegenüber chinesischen Partnern bestehen auch in Deutschland insbesondere bezüglich des Umgangs mit Daten Bedenken.

Dr. Guo Bai: Ich glaube auch hier fest daran, dass eine Partnerschaft beiden Seiten hilft. Der Schutz privater Daten ist im digitalen Zeitalter von großer Bedeutung. China kann hier von der Datenschutz-Grundverordnung der EU lernen. Gemeinsam können die Partner richtige Antworten auf technologische Herausforderungen geben.

Das chinesische Sozialkredit-System, Social Scoring genannt, ruft weltweit Kritik hervor. Ist es einer Gesellschaft zuträglich, alle privaten Daten seiner Mitglieder zu sammeln?

Dr. Guo Bai: Da das staatliche System noch nicht gestartet wurde und genaue Informationen fehlen, ist es zu früh für eine Bewertung. Wie viele Daten gesammelt werden und wie mit ihnen verantwortungsvoll umgegangen wird, ist ein komplizierter Balanceakt – der Aufgabe müssen sich Regierungen und digitale Plattformen weltweit stellen. Es gibt in China bereits private Systeme wie den „Sesame Credit“ einer Tochtergesellschaft von Alibaba, der die Zahlungsfähigkeit von Kunden analysiert und unter anderem für Kredite bewertet. Egal ob private Firmen oder öffentliche Stellen diese Aufgaben übernehmen: sie müssen sich immer fragen, wie sie diese Macht für das Wohl einer Gesellschaft einsetzen können.

Die Expertin

Dr. Guo Bai ist Dozentin für Strategie an der China Europe International Business School (CEIBS). Sie promovierte in Strategic Management von HEC Paris, M.A. in Strategic Management von HEC Paris und M.A. in Management Science von ESCP Europe. Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in den Bereichen Governance-Design, digitale Wirtschaft, adaptive Effizienz und kollektive Kreativität. Ihr Buch, „China’s Development: Capitalism and Empire“, das sie gemeinsam mit Prof. Michel Aglietta geschrieben hat, hat in Frankreich und darüber hinaus einen bedeutenden Einfluss.

Die renommierte Referentin über Chinas wirtschaftliche und politische Entwicklung wurde an das Pariser Institut für Politikwissenschaft, CEPII, Foundation Prospective et Innovation in Frankreich, European Chamber, China Academy of Social Sciences, Peking University, Tsinghua University, Fudan University, Oxford University, etc. eingeladen. Ihre jüngsten Forschungen über Organisationsstruktur und Governance im Internetzeitalter sorgen für viel Aufmerksamkeit in Wissenschaft und Wirtschaft.

Die CEIBS wurde 1994 von der chinesischen Regierung und der Europäischen Union (EU) gegründet und gilt als eine der weltweit führenden Business Schools mit MBA und EMBA. Von der Financial Times wird sie weltweit auf Platz 5 eingestuft.

Das Open Network von DuMont geht nun in die Sommerpause. Anfang September wird es dann mit vielen weiteren spannenden Veranstaltungen weitergehen. Die genauen Themen und Termine finden Sie rechtzeitig auf DuMont Inside.