Experte: Gerrit Heinemann, Leiter des eWeb Research Center an der Hochschule Niederrhein |

Wo steht der Online-Handel? Welche Player beherrschen die Märkte weltweit? Ist es Amazon? Oder sind es Plattformen wie Tencent, Alibaba, Baidu, die hierzulande noch weitestgehend unbekannt sind? Wird sich das in Kürze ändern?

Diese und viele weitere Fragen hat Prof. Gerrit Heinemann, Leiter das eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, im Rahmen des Open Network in Köln beantwortet. Den Zuhörern wurde schnell deutlich, dass Heinemann weiß, wovon er spricht. Er schilderte nämlich anschaulich auch seine ganz persönlichen Erkenntnisse. In den vergangenen Monaten hat er während einer weltweiten Rundreise die Marktführer besucht. Heinemann war in den USA bei Google, Amazon, Facebook, Apple und eBay (kurz GAFAE) zu Besuch, außerdem in China bei Tencent, Alibaba, Baidu und JD.com (kurz TAB).

Seine Erkenntnis daraus: Das Netz zieht sich zu. Von Westen dringen Google, Amazon, Facebook und Apple immer weiter vor. Aus dem Osten kommen Tencent, Alibaba und Baidu. Welche Chancen bleiben Europa noch?

• „Deutschland ist in weiten Teilen ein digitales Entwicklungsland. Wir haben zwar das Know-How, aber die Experten gehen dann zu den großen Playern in die USA oder nach China. Ich war kürzlich in China und war wirklich erstaunt: dieses Land ist komplett durchdigitalisiert. Das hat mich beeindruckt. Für die Menschen dort ist das völlig normal.“
• „Der Online-Riese Alibaba aus China sichert den einheimischen Kunden zu, die Ware innerhalb von 24 Stunden zuzustellen – und zwar per Drohne.“
• „Shopping-Apps werden immer wichtiger. In Deutschland führen Amazon, Ebay und Alibaba das Ranking an. Unter den zehn in Deutschland am weitesten verbreiteten Shopping-Apps ist kein einziger deutscher Dienstleister zu finden. Die Händler überlassen Amazon und anderen dieses wichtige Feld.“
• „Mobil wird immer wichtiger. In China werden 93 Prozent aller digitalen Einkäufe mit dem Smartphone getätigt.“
• „Die Digitalisierung weckt neue Kundenerwartungen. Alles muss schnell und einfach sein. Kundenzufriedenheit ist die neue Erfolgsformel. Amazon setzt auch in diesem Bereich Maßstäbe.“
• „Amazon ist in fast allen Bereich schon führend. Trotzdem investiert das Unternehmen jährlich ungefähr sieben Prozent des Umsatzes in digitale Verbesserungen.“
• „Unternehmen müssen grundsätzlich mehr in die Technik investieren. Bei Facebook zum Beispiel sind 70 Prozent der Mitarbeiter Techniker.“
• „Die lokalen Händler geraten immer mehr ins Hintertreffen. Das liegt auch daran, dass viele kein funktionierendes Warenwirtschaftssystem haben. Hier sehe ich einen Mangel an Professionalität.“
• „Große Einkaufsstraße wie die Schildergasse und die Hohe Straße werden überleben. Das liegt daran, dass immer mehr Menschen in die Metropolregionen ziehen. Händler in innenstadtfernen Stadtteilen oder gar auf dem Land werden mittelfristig große Probleme bekommen.“

Und zum Schluss nannte Heinemann noch ein paar konkrete Beispiele der Digitalisierung:

• Amazon ist ein Handelsunternehmen, hat aber keine Läden und wenig eigene Ware.
• Uber ist das weltweit größte Taxiunternehmen, hat aber keine eigenen Wagen.
• Facebook ist als Social-Media-Plattform meinungsmachend, produziert aber keine eigenen Inhalte.
• AirBnB ist einer der größten Room-Sharing-Anbieter, besitzt aber keine eigenen Immobilien.

Unser Experte

Prof. Dr. Gerrit Heinemann leitet das eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach, wo er auch BWL, Managementlehre und Handel lehrt. Nach fast 20-jähriger Handelspraxis u.a. in Zentralbereichsleiter- und Geschäftsführerpositionen in der Douglas-Holding, bei Drospa/Douglas sowie Kaufhof/Metro wurde Gerrit Heinemann 2005 an die Hochschule Niederrhein berufen. Er ist Autor von über 250 Fachbeiträgen und 20 Fachbüchern zu den Themen Digitalisierung, E-Commerce, Online- und Multi-Channel-Handel. Im Februar ist sein neues Fachbuch „Handel mit Mehrwert“ erschienen, in dem er auf die wichtigsten Aspekte der Marktveränderung im Handel eingeht.