Experte: Joab Nist, Gründer von notesofberlin.com | Jeder Berliner, der im Internet unterwegs ist, kennt „Notes of Berlin“. Tag für Tag postet Gründer Joab Nist (35) auf der zugehörigen Website und in den sozialen Netzwerken seine skurrilen, herrlich verrückten und oft schreiend komischen Dokumente aus dem Berliner Alltag. Die „Notes of Berlin“ sind Zettel, Flugblätter, Hausflur-Aushänge, privat angefertigte Plakate oder Annoncen an Schwarzen Brettern. Joab Nist entdeckt sie, fotografiert sie, postet sie – zumeist aber bekommt er sie von seinen Nutzern eingeschickt. Denn „Notes of Berlin“ kommt nach acht Jahren auf nun eine Million Website-Aufrufe im Monat. Hinzuzurechnen sind Hunderttausende Follower in den sozialen Medien.

Wie hat man mit einer im Grunde einfachen Idee so durchschlagenden Erfolg bei den Nutzern? Und wie münzt man die enorme Reichweite auch in finanziellen Erfolg um? Das wollten die zahlreichen Besucher des Open Network im Newscafé des Berliners Newsrooms von Joab Nist wissen. Vor allem aber hatten sie viel zu lachen.

Nach der Begrüßung durch Jens Kauerauf, Geschäftsführer DuMont Berliner Verlag, bekamen die Gäste einige Kostproben der witzigsten „Notes of Berlin“-Klassiker auf der Leinwand zu sehen. Zum Beispiel diesen Aushang aus einem Berliner Hausflur: „Ich feier heute. Wird wohl laut und länger. Also morgen früh bitte RUHE im Haus!“ An einer Litfaßsäule im Bezirk Steglitz-Zehlendorf hing dieses selbstgemalte Plakat: „Hallo Rawa, bitte melde dich, du wirst Vater!“

Für Joab Nist steht fest: Erfolgreiche Postings müssen emotional und allgemeinverständlich sein, aber auch Gemeinschaftsthemen der Alltagskultur ansprechen. Zum Beispiel, wenn in der Hunde-Hauptstadt Berlin ein Plakat auftaucht mit dem Spruch: „Wer hier kackt, wird erschossen!“ Oder wenn das Opfer eines Fahrraddiebstahls sich mit drastischen Worten an den Täter wendet. Typische Themen sind auch Wohnungssuche und Liebeskummer.

Wer im Internet seine eigene Website oder sein eigenes Unternehmen starten wolle, so Joab Nist, müsse sich klar von anderen Anbietern abgrenzen. „Das Konzept sollte gradlinig sein und darf nicht verwässern“, sagte er bei seinem Vortrag im Newscafé. Deshalb gebe es bei „Notes of Berlin“ nur Zettel aus dem Berliner Stadtraum, aber etwa keine Graffiti oder andere Formen von Street Art. Entscheidend für den Erfolg sei es außerdem, seinen Nutzern vermitteln zu können, dass man mit Leidenschaft bei der Sache ist. All dies habe ihm geholfen, mit einem Startkapital von null Euro den Weg vom Nischen-Angebot zur Mainstream-Marke zu gehen.

In der anschließenden Frage-Runde wollten die Zuhörer von Joab Nist genauer erfahren, wie er mit seinen Internet-Angeboten (400.000 Social Media Follower, davon 170.000 bei Facebook) inzwischen Erlöse generiert. Die Antwort: Neben Werbe-Postings und gelegentlichen Unternehmenskooperationen mit großen Berliner Firmen sind es insbesondere auch die Nebenprodukte, die „Notes of Berlin“ so erfolgreich machen – Bücher, Kalender und Postkarten mit den coolsten Sprüchen.

Im kommenden Jahr, so kündigte Nist an, wird es sogar einen „Notes of Berlin“-Kinofilm geben. In Andeutungen war beim Vortrag schon zu erfahren, dass es in dem Film um fiktive Geschichten geht, die sich hinter ausgewählten Zetteln und Aushängen verbergen könnten. Dann werden wir auch erfahren, ob sich Rawa bei seiner schwangeren Freundin gemeldet hat …

Der Speaker

Joab Nist ist Gründer des Blogs „Notes of Berlin“. Als der gebürtige Münchner nach Berlin zog, fiel im etwas auf. Man kann vielleicht sagen: Er sah die Stadt mit anderen Augen. Zumindest hatte er das in anderen Städten so noch nicht gesehen. Aber, viel wichtiger: Noch niemand hatte es dokumentiert. Und so kam die Sache ins rollen… Heute kann der 35-jährige auf eine erfolgreiche Webseite blicken, die den studierten Kulturwissenschaftler zu einer Berliner Berühmtheit gemacht hat.