Experte: Dr. Dirk Hecker, Geschäftsführer Allianz Big Data, stellv. Institutsleiter Fraunhofer IAIS | Ist Künstliche Intelligenz nur ein kurzfristiger Hype oder doch eine Alltagstechnologie? Mit dieser Frage war Dr. Dirk Hecker, Geschäftsführer der »Fraunhofer-Allianz Big Data«, beim Open Network in Köln zu Gast. Im Interview ordnet der Experte die wichtigsten Aspekte seiner These ein. Aber Hecker macht auch klar, dass Deutschland gerade dabei sei, die Bedeutung der Künstliche Intelligenz nicht richtig wahrzunehmen und dass das Thema auch in Unternehmen auf höchster Ebene ernst genommen werden müsse.

Herr Hecker, Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Was genau ist damit gemeint?

Künstliche Intelligenz ist die Idee, kognitive Leistungen des menschlichen Gehirns auf Maschinen beziehungsweise Computer zu übertragen. Der aktuelle Sommer der KI ist vor allem im maschinellen Lernen begründet. Dadurch lässt sich etwa die Gesichtserkennung automatisieren: Ein Gesicht mit Regeln zu beschreiben und diese händisch zu programmieren, ist unheimlich komplex. Das kann ein Computer inzwischen viel besser und schneller – er bekommt Trainingsdaten in Form vieler Bilder von Gesichtern, die Regeln entwickelt er dann selbst. Maschinelles Lernen funktioniert also aus der Beobachtung von Daten und darin enthaltenen Mustern. Die tiefen neuronalen Netze, die dabei gebildet werden, sind biologisch inspiriert. Vorbild sind Nervenzellen und deren Vernetzung im Gehirn. Über diese Verbindungen können Bilder klassifiziert oder Spracheingaben erkannt werden.

 

Wo steht die deutsche Wirtschaft beim Einsatz Künstlicher Intelligenz in ihren Wertschöpfungsprozessen?

Wir befinden uns aktuell in einer rasanten technologischen Revolution und ich habe Angst um Deutschland, dass wir diesen Trend verpassen. Deutschland ist ein ingenieurwissenschaftlich getriebenes Land: Wir bauen die besten Sensoren und Maschinen, aber haben uns in der Vergangenheit zu selten mit den Daten auseinandergesetzt, die von den Maschinen produziert werden. Dabei sind Daten das Fundament für KI und ein zentrales Wirtschaftsgut, etwa im Bereich der Automatisierung. Amerikanische und verstärkt auch chinesische Unternehmen sind hier deutlich weiter.

Wie kann Deutschland aufholen?

Deutschland ist traditionell sehr gut in der Informatik, aber die deutsche Wirtschaft hegt eine gewisse Skepsis und Vorsicht vor neuen Technologien. Diese Haltung muss aufgegeben werden, und in den Unternehmen muss KI auf oberster Ebene ernstgenommen werden. In Deutschland müssen zudem unbedingt mehr Daten öffentlich verfügbar gemacht werden. Es gibt eine große Menge Start-ups, die tolle Ideen für Geschäftsmodelle haben. Ihnen fehlt aber das ausreichende Datenmaterial.

Müssten Unternehmen im Gegenzug aber nicht auch liberaler mit ihren eigenen Daten umgehen?

Das stimmt. Bei Fraunhofer haben wir eine darauf ausgerichtete Plattform entwickelt, um den sicheren Datenaustausch zu fördern. Ein Beispiel zeigt, warum das so wichtig wäre: Jedes neue Auto hat heute einen Regensensor, einen GPS-Sender und eine Internetverbindung. Mit diesen Mitteln können mehr und bessere Wetterdaten erhoben werden als bislang möglich. Aus den Daten lassen sich genauere Wetterprognosen erstellen. Die wiederum können von der Landwirtschaft genutzt werden – etwa um den idealen Erntezeitpunkt oder die perfekte Menge Dünger zu bestimmen.

 

Stellt die Politik in Deutschland zu wenig Geld für die Forschung zur Verfügung?

Klar spielt Geld eine Rolle. Um den Anschluss an die USA und China nicht zu verlieren, wo seitens der Wirtschaft und durch staatliche Programme viele Milliarden in KI-Entwicklungen fließen, muss die deutsche Politik mehr Geld in die Hand nehmen. Im Dezember wird die Bundesregierung ihre KI-Strategie vorstellen, einige neue Förderprogramme sind bereits gestartet, wie etwa das Kompetenzzentrum Maschinelles Lernen Rhein-Ruhr hier in NRW. Es müssen jetzt die Mittel bereitgestellt werden, um Deutschlands KI-Grundlagenforschung auf ein weltweit führendes Niveau zu bringen und gleichzeitig den Transfer in Unternehmen zu fördern, um deren Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.

Der Experte

Dr. Dirk Hecker ist Geschäftsführer der »Fraunhofer-Allianz Big Data«, einem Verbund von 31 Fraunhofer-Instituten zur branchenüber­greifenden Forschung und Technologie­entwick­lung im Bereich Big Data. Die Allianz Big Data ist aktuell der größte Zusammenschluss von Instituten zu einem Themengebiet in der Fraunhofer Gesellschaft und begleitet Unternehmen auf ihrem Weg zur »data-driven Company«. Das Angebot reicht von marktgerechten Big-Data-Lösungen für individuelle Fragestellungen bis hin zur Qualifizierung von Nachwuchskräften zu Data Scientists. Zudem leitet Dr. Dirk Hecker als stv. Institutsleiter das Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme IAIS und ist Mitglied des Direktoriums der Fraunhofer Academy. Dr. Dirk Hecker hat langjährige Erfahrung in der Leitung von Forschungs- und Industrieprojekten im Bereich Data Mining und Machine Learning. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Big Data Analytics, Predictive Analytics, Deep Learning und Mobility Mining. Er studierte Geo-Informatik an den Universitäten Köln und Bonn und promovierte an der Universität zu Köln.